Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie

Dr. Rusche-Forschungsprojekt – Preisträger Dr. Leonard Pitts im Portrait

Der Arzt mit dem Blick fürs große Ganze

ERAS steht für eine verbesserte Erholung nach Operationen. Wirkt das Behandlungskonzept auch in der minimal-invasiven Herzchirurgie?
Das möchte Dr. Leonard Pitts mit einer Studie belegen und erhielt für dieses Vorhaben die diesjährige Dr. Rusche-Projektförderung der DGTHG
und der Deutschen Stiftung für Herzforschung.

Dr. Leonard Pitts, Preisträger Dr. Rusche Forschungsprojekt 2025„Schonung um jeden Preis“ – lange Zeit galt dieser Satz als Leitbild der Patient:innen-Versorgung nach einer Operation. Obligatorische Aufenthalte auf der Intensivstation und strenge Bettruhe standen auf der Tagesordnung. Längst ist klar: In der Regel fördert das Gegenteil die Genesung. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand ERAS (Enhanced Recovery after Surgery): ein multimodales Therapiekonzept, bei dem unter anderem das frühe Aktivieren und Mobilisieren der Patientinnen und Patienten im Fokus steht – und für das es bei etlichen operativen Eingriffen, etwa in der Orthopädie und Gynäkologie, wissenschaftlich nachgewiesene Vorteile gibt. So sinkt beispielsweise die Komplikationsrate nach einer OP, die Krankenhausaufenthalte verkürzen sich und der Bedarf an Schmerzmitteln ist geringer.

ERAS in der Herzchirurgie – wissenschaftliche Grundlage schaffen

Wirkt ERAS auch in der Herzchirurgie? Mit dieser Frage befasst sich Dr. Leonard Pitts, Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Herzchirurgie am Deutschen Herzzentrum der Charité. Sein konkretes Interesse gilt dabei Patientinnen und Patienten nach unkomplizierten minimal-invasiven Operationen. Im Deutschen Herzzentrum wird das ERAS-Konzept bereits erfolgreich umgesetzt. Was aber noch fehlt, ist eine prospektiv randomisierte Studie, die diese Erfolge wissenschaftlich bestätigt. Genau das soll in den nächsten zwei bis drei Jahren geschehen – mit Unterstützung des Dr. Rusche-Forschungsprojekts der DGTHG und der Deutschen Stiftung für Herzforschung. „Diese Förderung wird unsere Forschung bedeutend vorantreiben“, sagt der angehende Herzchirurg. Eingeschlossen in seine Studie werden 128 Patientinnen und Patienten, die in zwei Gruppen eingeteilt sind – eine Gruppe wird mit dem ERAS-Konzept behandelt, die andere nach dem leitliniengerechten Standardverfahren. Eingeschlossen sind nur Patientinnen und Patienten aus der sogenannten Low-Risk-Population – bei ihnen ist das Risiko für operative Komplikationen oder erneute Herzereignisse verschwindend gering.

Noch schonendere und individuellere Prozesse während der OP

Und was konkret ist in der ERAS-Gruppe anders? „Das Konzept besteht aus vielen kleinen Bausteinen, die in ihrer Summe wirkungsvoll sind“, erklärt Dr. Leonard Pitts und nennt einige Beispiele: Während der Operation würden gezielt noch schonendere Verfahren eingesetzt. Der Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine erfolge per minimal-invasiver Punktion durch die Haut, statt über einen größeren Leistenschnitt. Auch der Einsatz der Maschine selbst werde individuell angepasst, etwa durch Techniken zur Volumenreduktion (retrogrades Priming) und eine gezielte Sauerstoffversorgung. Zusätzlich werde das Herz mit einer speziellen Lösung ruhiggestellt, die Körpertemperatur nur moderat abgesenkt und die Aorta über einen Ballonkatheter von innen abgeklemmt anstatt mit der herkömmlichen externen Klemme.

Ein weiterer Unterschied: ERAS-Patient:innen erhalten am Ende der Operation eine einmalige örtliche Betäubung (Single-Shot). „Sie reduziert die Schmerzen nach dem Eingriff deutlich, das haben von uns bereits publizierte Daten belegt, betont Leonard Pitts. „Wir verzichten also bewusst auf einen länger verbleibenden Schmerzkatheter, um die Anzahl der Fremdkörper möglichst gering zu halten – zumal bei ERAS die meisten Zugänge bereits am ersten postoperativen Tag entfernt werden.“

Aus dem OP in den Aufwachraum – und dann auf die Normalstation

An dieser Stelle folgt nun die laut Leonard Pitts bedeutendste und wirkkräftigste Eigenschaft von ERAS: Die operierten Patient:innen werden nicht standardmäßig auf die herzchirurgische Intensivstation verlegt und dort erst nach 60 Minuten extubiert. Dies erfolgt zügiger, und zwar im Aufwachraum. Dort dürfen sie auch schon den ersten Besuch ihrer Angehörigen empfangen – was nachgewiesen zur Genesung beiträgt.
Und: Die Patientinnen und Patienten werden zügig wieder mobil. Dank Physiotherapie sitzen sie nach einigen Stunden bereits am Bettrand; viele kommen sogar schon in den Stand. Entstehen weiterhin keinerlei Komplikationen, dürfen sie danach auf die Normalstation entlassen werden, wo sie aber selbstverständlich weiterhin engmaschig vom herzchirurgischen Team überwacht werden – auch nachts.

Nicht nur die OP zählt – auch das Davor und Danach

Dass all diese Maßnahmen die Erholung der Patientinnen und Patienten beschleunigt – daran glaubt Leonard Pitts fest. Leidenschaftlich gern investiert er seine Zeit in die Studie, um es auch schwarz auf weiß zu haben. Aber: Warum ist ihm dieses Thema so wichtig? Wie kommt es, dass er sich als angehender Herzchirurg wissenschaftlich so weit aus dem OP herausgewagt? „Ich denke gerne ganzheitlich“, sagt er. „Dazu gehört nicht nur die Operation selbst, sondern auch das Davor und Danach.“ Nur wenn alles gut ineinandergreife, sei ein Eingriff wirklich gelungen. Hier werde, seiner Überzeugung nach, die Wirkung von ERAS in der Herzchirurgie noch unterschätzt. Und das möchte Leonard Pitts ändern.

„Herzchirurgie ist herausfordernd und manchmal verrückt“

Seit drei Jahren arbeitet Leonard Pitts am Deutschen Herzzentrum der Charité, seine erste Station nach dem Studium. Hätte man ihm all das vor – sagen wir – zehn Jahren gesagt, hätte er es vielleicht nicht geglaubt. „Ich wollte eigentlich nie in die Herzchirurgie gehen“, sagt er und lacht. Während des Medizinstudiums habe er bestimmt zehnmal den Fachrichtungswunsch gewechselt. Doch irgendwie und ganz automatisch zog es ihn immer wieder Richtung Herz. „Ich habe erkannt, wie viel Spaß mir das Operieren macht“, sagt er. „Die Herzchirurgie bietet jeden Tag etwas anderes, sie ist herausfordernd und manchmal auch verrückt!“ Endgültig bestärkt darin, Herzchirurg zu werden, hat ihn zudem eine für ihn bis heute prägende Persönlichkeit: sein Doktorvater Prof. Dr. Jörg Kempfert. Der hatte ganz offenbar das richtige Gespür. Denn Leonard Pitts sagt: „Ich habe meine Entscheidung noch keinen Tag bereut.“

Wir gratulieren herzlich zum Dr. Rusche Forschungsprojekt, wünschen alles Gute auf dem weiteren Weg zum Herzchirurgen – und sind gespannt auf die Ergebnisse der Studie!

Sie möchten mehr über die Preise der DGTHG erfahren? Dann klicken Sie hier. 

 

Bildquelle: DGHTG/Ausserhofer

Generic selectors
Nur genaue Ergebnisse
Titel
Inhalt
Post Type Selectors