Gefäßchirurgischer Forschungspreis 2025 – Dr. Till Demal im Portrait
Ängste nehmen, Sicherheit geben
Dr. Till Demal hat im Rahmen der DGTHG-Jahrestagung den Gefäßchirurgischen Forschungspreis 2025 erhalten. Er untersuchte genetische Veranlagungen, die bei der Entwicklung von Aortenerkrankungen bedeutend sind. Wie damit ganzen Familien geholfen werden kann, lesen Sie hier.
Wie mag es sich anfühlen, wenn der Ausbruch einer schweren Krankheit wie ein Damoklesschwert über dem Leben schwebt? Dr. Till Demal kann es erahnen: Es gehört zum Leben bestimmter Patientinnen und Patienten.
Ihr ganz persönliches Damoklesschwert ist die sogenannte Aortendissektion. Dabei reißt die Wand der Hauptschlagader plötzlich ein und das Blut fließt zwischen die Schichten der Wand – ein lebensbedrohlicher Notfall, der sofort operiert werden muss. Wichtig zu wissen ist, dass sofort gehandelt werden muss: Spüren Betroffene erste Symptome – meist heftige Schmerzen in Rücken zwischen den Schulterblättern oder in der Brust – hat das Unheil schon seinen Lauf genommen, da akute Lebensgefahr besteht. Einige Patientinnen und Patienten sterben bereits, bevor sie überhaupt das Krankenhaus erreichen. In Abhängigkeit von der Ursache einer Aortendissektion können ganze Familien belastet werden. Denn: Bei der Erkrankung können auch genetische Faktoren ursächlich sein, weshalb Angehörige verunsichert sein können und mit der Angst leben, selbst irgendwann betroffen sein zu können.
Notfälle verhindern durch geplante Operationen und engmaschige Kontrollen
Wie bewahrt man diese Menschen davor? Und wie gibt man ihnen die Ruhe in ihrem Leben zurück? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Herzchirurg Dr. Till Demal seit 6 Jahren. Sein Ziel: Die Aortendissektion gar nicht erst entstehen zu lassen. Aber wie? Dr. Till Demal erklärt seinen Ansatz: „Wir wissen, dass viele Betroffene vor dem Ausbruch der Krankheit eine Aussackung bzw. Erweiterung, in der Fachsprache als Aneurysma bezeichnet, an der Hauptschlagader hatten, was das Risiko für die Aortendissektion erhöht.“ Die Schlussfolgerung daraus: Wenn man weiß, dass eine Person ein solches Aneurysma hat und wie dieses sich über die Zeit entwickelt, lässt sich das Risiko für das Auftreten einer Aortendissektion abschätzen. Wenn das Aneurysma über eine bestimmte Größe hinauswächst, sollte es präventiv operiert werden, um den lebensbedrohlichen Notfall zu verhindern. Ist das patientenindividuelle Risiko niedrig, kann die Entwicklung des Aneurysmas zunächst engmaschig kontrolliert werden.
Gentests spüren Risiko-Patient:innen auf
Aber wer entwickelt ein solches Aneurysma – und wer nicht? Ursachen für die Entstehung gibt es viele, beispielsweise die Arteriosklerose oder der Bluthochdruck. Aber auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Ein sogenanntes Risikogen ist das Gen FBN2. Es spielt eine wichtige Rolle im Bindegewebe der Aortenwand. Besteht in diesem Gen ein „Schreibfehler“, eine sogenannte Genmutation, kann dies zur Bildung eines Aneurysmas der Hauptschlagader und später zur Aortendissektion führen. Unklar war lange, welche Genmutationen in FBN2 Aortenerkrankungen verursachen und welche nicht.
Dr. Till Demal und sein Team haben nun herausgefunden, dass sich dies anhand der Lage der Genmutation im FBN2-Gen bestimmen lässt. Ob ein Mensch eine gefährliche oder harmlose FBN2-Mutation trägt, lässt sich somit anhand eines Gentests herausfinden. Für diese wichtige Erkenntnis gewann Dr. Till Demal den diesjährigen Gefäßchirurgischen Forschungspreis der DGTHG.
„Dank der Gentests können wir Patientinnen und Patienten mit gefährlichen FBN2-Mutationen und ihre Familien untersuchen und gegebenenfalls vorsorglich operieren, bevor lebensgefährliche Komplikationen auftreten,“ sagt der Oberarzt, der am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg eine spezielle Sprechstunde für Patientinnen und Patienten mit Hauptschlagadererkrankungen anbietet.
Viel Vorerfahrung auf dem Gebiet der Aortenerkrankungen
Um so weit zu kommen, hat Dr. Till Demal viel geleistet. Schon in seiner Doktorarbeit hat sich Till Demal mit der Genetik von Herzerkrankungen beschäftigt. Während seiner chirurgischen Weiterbildung war der 38-Jährige dann ein Jahr lang von seiner klinischen Tätigkeit freigestellt. Hier widmete er sich vollkommen der Forschung an der Entstehung und der Diagnostik von Erkrankungen der Hauptschlagader. Inzwischen leitet er eine eigene Arbeitsgruppe.
Mittlerweile ist der Herzchirurg zurück im OP und in der Sprechstunde. Die Forschung läuft begleitend weiter. „Ich finde diese Mischung toll“, sagt er. „Wir transferieren eine Fragestellung aus dem klinischen Alltag ins Labor, erarbeiten dort eine Lösung in der Theorie und bringen sie dann zurück in die Praxis.“
Die meiste Zeit verbringt der Herzchirurg im OP-Saal. „Die Herzchirurgie begeistert mich besonders, weil wir Funktionsstörungen des erkrankten Herzens oft vollständig korrigieren können. Herzrhythmusstörungen behandeln wir durch die Implantation eines Schrittmachers oder durch eine Ablation. Erkrankte Herzklappen lassen sich ersetzen, und eine beeinträchtigte Durchblutung des Herzens können wir in der Regel mithilfe einer Bypassoperation nachhaltig wiederherstellen.“ Die Behandlung der Hauptschlagader habe dabei einen besonderen Stellenwert. „Die chirurgische Therapie der Aorta erfordert viel Expertise. Wir müssen mit zahlreichen anatomischen Besonderheiten umgehen, ein großes Spektrum an komplexen chirurgischen Techniken beherrschen und diese kontinuierlich weiterentwickeln.“
Patient:innen ganz direkt helfen – „ein bereicherndes Gefühl“
Wichtig ist Till Demal aber nicht nur die Operation, sondern auch der nahe Kontakt zu und Gespräche mit den Patientinnen und Patienten. „Wenn sie einige Wochen nach einer komplexen Operation wohlauf erneut in unsere Sprechstunde kommen, ist es wunderbar zu sehen, dass wir helfen konnten.“
Wir wünschen ihm weiterhin viele solcher Erfahrungen und gratulieren zu seiner Leistung!